Herr S und das Gewitter

Fiktiv

Blitzlichtgewitter. Bald, nach seiner Analyse würde wieder ein Regen unangenehmer Fragen auf ihn herab prasseln. Ein klassisches, badisches Unwetter mit all seinen Facetten wäre ihm jetzt lieber gewesen. Herr S strich sich durch sein weiss-graues, zerzaust gegeltes Haar. Seine Kehle kratzte. Er vermied es, unmittelbar zu seinem Wasserglas oder einer der diversen Soft-Drink-Flaschen zu greifen. Er war sich bereits durch sein Haar gefahren. Eine weitere auffällige Bewegung könnte den Eindruck vermitteln, er wäre nervös. Aber wer könnte ihm das verdenken? Vor ein paar Tagen wähnte man die Spirale der negativen Ergebnisse durchbrochen. Am elften Spieltag gelang Herr S der erste Sieg mit seiner Mannschaft in der laufenden Saison. Doch auf internationaler Bühne folgte ein ernüchterndes wie glückliches Unentschieden beim portugiesischen Vertreter Estoril und dann in der Liga die besonders schmerzhafte Niederlage im baden-württembergischen Derby gegen den VfB Stuttgart. Alles nicht förderlich für die kommenden Arbeitstage.

 

Eine solche Nullrunde konnte die Atmosphäre zusätzlich aufladen. Es war also nicht nur ein unangenehmer Regen an Fragen zu erwarten, sondern ebenso spitze Hagelkörner in Form von Statements, die einen Kommentar provozieren sollten. Eine beliebte Methode: Die Leistung der Spieler auf dem Platz mit dem Verhältnis zum Trainer gleichzusetzen. Herr S war zu lange im Geschäft, um darauf anzuspringen. Dennoch starteten Journalisten immer wieder Versuche, in der Hoffnung, eine emotionsgeladene Reaktion hervorzurufen. Eine Tatsache, die ihn nicht aus der Ruhe brachte. Herr S hatte sogar Verständnis dafür.

Ein Trainer steht unter konstantem Ergebnisdruck, egal in welcher Lage. Die Zeitung und ihre Mitarbeiter unter dem Druck der möglichst hohen Auflage oder der Klickzahl. Emotionen bedeuten bessere Absätze und mehr Aufrufe, ergo mehr Einnahmen.

Aber heute, das wusste er schon, bevor den Presseraum betreten hatte, würde es ihm besonders schwer fallen, alles unter diesem neutralen Gesichtspunkt zu betrachten. Denn wenn er ehrlich zu sich war, hatte auch er im Stillen geglaubt, die Spirale der negativen Ergebnisse durchbrochen zu haben.

Das Blitzlichtgewitter erstarb, er räusperte sich und begann.

Verfasse einen Gedanken