Wenn es regnet…

Seit dem 18. Februar regnet es in Ost-Ghuta. Kaum treffen die Regentropfen auf die Erdoberfläche, reissen sie tiefe Löcher in die Umgebung. Häuser verschwinden in ihrer zerstörerischen Wucht ebenso wie Menschenleben. Es ist das Grauen des Bombenregens, das 400.000 Menschenleben bedroht, eine sechsstellige Unfassbarkeit, mit der sich der Leser konfrontiert sieht. Für einen Moment ist der ferne Krieg wieder präsent. Muss man sich dafür schämen? Dafür, dass es nur in diesen Momenten geschieht? Und sogar noch mehr für die Erleichterung, die man empfindet, weil man nicht gerade ängstlich und hungernd in Häuserruinen und Kellern ausharrt? Nein. So simpel und abgedroschen das klingen mag: Der Leser solcher Nachrichten hat einfach Glück. Was nutzt es, sich in eine abscheuliche Tragödie wie den Syrienkrieg hineinzusteigern? Gründe, dies zu tun, wären zuhauf gegeben. Und dennoch schlafen wir nachts ruhig und gehen am nächsten Tag unserer Arbeit nach, vertrauend darauf, dass es zu einer solchen Katastrophe nicht mehr kommen wird, zu keinem umfassenden europäischen Krieg! Und dort, wo sich Menschen bekriegen, wird sich alles irgendwie fügen. Natürlich ist das naiv, aber auch genauso leicht zu glauben, weil militärische Auseinandersetzungen, wie beispielsweise in Syrien, territorial begrenzt sind und sich nicht über deren Grenzen hinaus auswirkt, hinein in den Alltag der Menschen, die in dieser Leichtigkeit leben. Dieser Umstand ist nicht verwerflich. Aber wenn man einmal an einem regnerischen Tag miesepetrig aus dem Fenster schaut, sollte das Glück geschätzt werden, dass nur Wassertropfen zu Boden fallen.

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