Sie war keine Freundin, aber ein Detail

Ich weiss nicht, es platzte so aus mir heraus. Nein, ich denke, ich habe mich nicht zum Affen gemacht, nicht auf diese Weise. Ich hatte keine erste Verabredung mit einer wunderhübschen Frau, bei der ich mich nicht im Griff hatte und vorschnell meine Liebe zu ihr gestand. Das wäre sehr dumm gewesen. Nein, ich hatte mich nicht der Vorstellung hingegeben, sie über die hypothetische Schwelle unseres noch viel hypothetischeren Einfamilienhauses zu tragen. Nein, so einer bin ich nicht, nicht so ein Verlorener. Ich war verloren, das leugne ich nicht, wobei ich mir dessen nicht so sicher bin, habe ich doch mir und ihr eine Lüge aufgetischt, die augenblicklich wie ein Kartenhaus durch das Streicheln eines Windhauchs in sich zusammenfiel.
Ganz unvermittelt sagte ich, sie sei keine Freundin gewesen. Meine Verabredung wusste natürlich nicht, wer mit „sie“ gemeint war. Aber das spielte keine Rolle, denn jeder hätte an ihrer Stelle erkannt, ich mache ihr und mir etwas vor. Mir war schleierhaft, warum ich unser Gespräch in eine solche Richtung gelenkt hatte. Ich musste mich ihr erklären. Sie mit ihrem unbeholfenen Lächeln sitzen zu lassen, wäre nicht meine Art gewesen. Genauso wenig war es allerdings nicht meine Art, bei einem ersten Treffen Einblick in die kleinen und bedeutenden Details meines Lebens zu gewähren.
An diesem Nachmittag war nichts normal. Das weiss ich, nur das weiss ich, denn ich bin gegangen, so, wie es eigentlich nicht meine Art ist. Nicht sehr gentleman-like, das ist mir schon klar. Jeder kennt doch sicher diese Binsenweisheit, dass man immer eine Wahl hat, oder? Über die Richtigkeit meiner Wahl vermag ich mir kein Urteil zu bilden, aber ich glaube, dass ich meine Verabredung gar nicht wirklich belogen hatte, zumindest nicht vorsätzlich. Nein, ich versuche nicht meine Gewissensbisse hinsichtlich meines Verhaltens ihr gegenüber im Nachhinein zu lindern.
Es stimmte, „sie“, die aus dem Leben schied, war keine Freundin, aber ein Detail, über dessen Bedeutsamkeit, über dessen Prägkraft ich mir nicht im Klaren war. Wir hatten uns nicht oft gesehen. Uns blieb verwehrt, eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Das ist schlicht schwer möglich, wenn die Zusammentreffen von Flüchtigkeit geprägt waren. Wobei, wir waren Kinder. In so einem Alter werden schnell Freundschaften geschlossen. In so einem Alter geht es doch schliesslich „nur“ ums „Mögen“ oder eben „nicht Mögen“ und ein paar einfache gemeinsame Interessen. Keine komplizierten Wertvorstellungen, die sich je nach Grad der Sympa-oder Antipathie nach Möglichkeit oft überlappen, oder eben nicht, oder womöglich sogar nie!
Wir haben es irgendwie nicht fertiggebracht. Wenn ich darüber nachdenke, eine ziemlich bedauerliche Sache. Ich hätte „sie“ gerne besser gekannt. Vermutlich ist das der Grund, warum mir ihr Verlust näher geht, als ich eingeschätzt hatte. Immer noch, besser gesagt. Denn an diesem Tag jährte sich „ihr“ Todestag zum dritten Mal.
Na ja, das ist und bleibt ein Versäumnis. Aber von einer Entschuldigung für mein Verhalten kann ich nicht sprechen. Es war falsch meine Verabredung sitzen zu lassen, nicht mehr und nicht weniger.

  1. andrea heeger sagt:

    Hat mir gut gefallen.
    So eine Situation kennt sicher fast jeder

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