In der Bäckerei

Zu Beginn seiner Laufbahn hatte ein Kollege gesagt: „Wir sind mit dafür verantwortlich, dass wir leben können, wie wir leben. Wir tragen erheblich zur Sicherheit und den Erhalt unseres Systems bei!“ Und zuweilen mussten „überdemokratische Entscheidungen“ getroffen werden, wie es hiess. Dann agierte man unabhängig, ohne auf das Ok der Regierung zu warten. Skrupellose Diktatoren, wahnsinnige Terroristen, sie warten keine politische, demokratisch gepflogene Debatte ab. Wann immer es ihnen beliebt, greifen sie die friedliebende Gesellschaft an, mit dem Ziel, die lähmende Hilflosigkeit der Debattenkultur zu offenbaren. So definierte sich zumindest das Selbstverständnis der verschiedenen Geheimdienste dieser Welt, die Rechtfertigung für die unverschämte Freiheit, alles zu tun: Partnerländer hinterrücks auszuspionieren, während im Blitzlicht im Vordergrund händeschüttelnd Friedensabkommen besiegelt wurden.

Überwachung würde es immer geben. Zum Wohle der gesellschaftlichen Sicherheit war das unvermeidlich, davon war David überzeugt. Aber wie ernsthaft können weltliche Friedensbemühungen gemeint sein, wenn die Verhandlungspartner hinter ihrem Rücken geheimdienstlich die Finger kreuzen? Solche Fragen kommen in der Rente auf – wenn es zu spät ist.

David hatte sich wieder etwas beruhigt und auf eine Parkbank in die frühe Mittagssonne gesetzt. Er griff in die knittrige Papiertüte und holte ein Schokocroissant heraus. „Vertrauen kann dich das Leben kosten, Misstrauen es dir retten“, lautete ein Credo. Wie oft hatte das Misstrauen David das Leben gerettet? Er wusste es nicht. Es war ihm auch egal, weil sich inzwischen die unbefriedigende Überzeugung eingestellt hatte, neben der nationalen Sicherheit auch dafür mitverantwortlich gewesen zu sein, dass politisch-ideologische Unterschiede nicht überwunden werden konnten und das auch zukünftig nicht der Fall sein würde.

Misstrauen oder Vertrauen? Egal. Er biss herzhaft in das Croissant. Die warme, teils flüssige Schokolade breitete sich in seinem Mund aus.

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