In der Bäckerei

David lebte in einem kleinen abgeschiedenen Dorf. Und in dieser Abgeschiedenheit hatte er sich ein abgelegenes Plätzchen gesucht, ein kleines, unscheinbares Einzimmerapartment, das er nur noch selten verliess. Er stand in der Schlange beim einzigen Bäcker, schon seit einigen Minuten. Dann suchte sich endlich der letzte Kunde vor ihm wieder einen Weg nach draussen und rempelte ihn. Die Dame hinter dem Tresen belohnte seine Geduld mit einem Lächeln. Ob aus professionell-geschäftsmässigen Motiven oder aus spontan-zwischenmenschlicher Sympathie konnte er nicht sagen. Sich still jedoch diese Frage zu stellen, war berufliche Routine, auch als Rentner.

Sie reichte ihm sein Wechselgeld, woraufhin er nur den Kopf schüttelte und abwinkend „Stimmt so“, sagte und die Bäckerei verliess. Über das gedrängte Gemurmel hörte er noch, wie die Frau ihn mit „vielen Dank, wirklich sehr nett von Ihnen!“, verabschiedete. Ein Trinkgeld von acht Euro war wirklich ausserordentlich freundlich, aber nicht seine Absicht. Bedenken hatten ihn gepackt und aus dem Laden gezerrt. Warum war die Frau nach hinten in die Backstube gegangen und hatte von dort die Schokocroissants geholt? Hatte er nicht noch zwei Stück in der Auslage gesehen? Womöglich bloss eine kleine Unaufmerksamkeit von ihr, auf die David es aber nicht ankommen lassen wollte. Die Eventualität des Todes konnte ihm auch beim Bäcker auflauern und sich in seine Realität verkehren.

Wie David feststellte, war die Rente ein grausamer Abschnitt seines Lebens. Man hat zu viel Zeit, sich zermürbende Fragen zu stellen, sein berufliches Handeln zu hinterfragen. Er war ein zuverlässiger Mitarbeiter gewesen und hatte nie einen seiner Aufträge infrage gestellt. Er war immer Schachfigur auf dem Interessensfeld seines Arbeitgebers und niemals in der Position des Strategen, der seine „Spielfiguren“ führte. Die Funktion des Gehorchens und Ausführens genügte ihm.

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