Die Frau im schwarzen Kleid (Fragment)

Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid. Warum hatte sie sich noch einmal dafür entschieden, dieses Kleid zu tragen? Es wollte ihr nicht mehr einfallen, was nicht bedauerlich war, allerdings seltsam bedeutungslos. Sie sass allein an einem langen Holztresen und trank einen Früchtecocktail. Gelegentlich wandte sie ihren Blick zur Panoramaglasfront. Der Nachthimmel lag stumm, kalt und klar über dem Kornmarkt in Nürnberg. Am anderen Ende des Gangs befand sich der Fahrstuhl, über den sie in die Bar gelangt war. Seine Türen öffneten sich an diesem Abend nur noch ein einziges Mal – als sie nach Hause ging und nicht mehr auf ihn warten wollte. Ihn, den sie kaum kannte, der aber offenbar ein Treffen wert war. Sie hatte nicht damit gerechnet, versetzt zu werden und war dennoch nicht enttäuscht. Am Abend darauf würde sie wieder auf demselben Barhocker Platz nehmen, in dieselbe Nürnberger Nacht hinausschauen und wieder darauf warten, dass sich die Türen des Fahrstuhls öffneten und es würde wieder nur ein einziges Mal geschehen, wenn sie beschlossen hatte, zu gehen, allein. Und das Abend für Abend. Aber könnte es nicht auch sein, dass sich die Abende gar nicht wiederholen, sondern die Frau im schwarzen Kleid Gefangene dieser Szenerie und dieser Stunden des Wartens ist? Dass keiner sie vermisst, sich sorgt, sie sucht, sie eigentlich kein Leben hat? Sie lebte jedenfalls in einer Welt, in der man eine solche Willkür nicht ausschliessen konnte.

Hinterlasse einen Gedanken